Anne Birk
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Schriftstellerin.
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Anne Birk - Schriftstellerin

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Anne Birk: Interview & Autorenporträt


I
nterview mit der Schriftstellerin Anne Birk, geführt von Ulrike Rapp-Hirrlinter, Juni 2005
Anne Birk - Schriftstellerin



Schreiben mit kritischem Blick auf die menschlichen Verhältnisse

Die Esslinger Autorin Anne Birk spiegelt politische und gesellschaftliche Entwicklungen an ihrer Familiengeschichte

Schreiben bedeutet für Anne Birk, sich einen Freiraum zu nehmen, aber auch, sich im Spiegel individueller Erfahrungen mit menschlichen Grundsituationen auseinander zu setzen. Die Esslinger Autorin wurde 1942 in Trossingen geboren. Immer wieder greift sie in ihren Kurzgeschichten, Erzählungen und Romanen auf die eigene Familiengeschichte zurück, an der sie politische und gesellschaftliche Entwicklungen und Verwicklungen deutlich macht. In ihrem jüngsten Roman 'Carlos oder Vorgesehene Verheerungen in unseren blühenden Provinzen' dagegen wird eine Aufführung von Schillers 'Don Carlos' zum Auslöser für das Nachdenken über persönliche Erfahrungen. Derzeit arbeitet sie am vierten Band ihrer Familiengeschichte. Im Interview schildert Anne Birk, warum ihr der kritische Blick auf die menschlichen Verhältnisse so wichtig ist, und wie sich dies in ihren Werken niederschlägt.

Frage: Sie haben schon als junges Mädchen begonnen zu schreiben. Wie kam es dazu?

Anne Birk: Schreiben hat für mich schon sehr früh einen eigenen Freiraum bedeutet in der drangvollen Enge der Nachkriegszeit. Ich brauchte nur zu sagen, dass ich einen Aufsatz schreiben müsse, schon ließ man mich in Ruhe mit dem Kleinkram, um den sich Mädchen kümmern müssen. Schreiben bedeutete, für sich sein zu können, Beobachtungen festzuhalten, Geschichten zu erzählen, Figuren zu erfinden. So konnte ich in einer eigenen Welt leben, die ich mir selbst zusammenbaute und in der ich die Rollen neu verteilen konnte. Ich entdeckte aber auch, dass ich im Schreiben Unausgesprochenes zur Sprache bringen kann.

Frage: Was motiviert sie heute zu schreiben?

Anne Birk: Da ist zunächst der oben beschriebene Freiraum, die Lust am Ausprobieren und Gestalten, die Auseinandersetzung mit Urteilen und Vorurteilen. Schreiben ermöglicht mir außerdem die Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen, die menschliche Grundsituationen berühren. Schreiben verschafft emotionale und intellektuelle Distanz zu sich selber und zu dem, was um einen herum vorgeht. Schreiben bedeutet aber auch, das schwer zu Bewältigende aus dem eigenen Ich heraus und in eine literarische Form zu bringen. Im Schreiben halte ich Sichtweisen fest, die sich ändern. Man kann diese Sichtweisen aus zeitlicher Distanz als Schritte in eine Richtung, womöglich auch in eine Sackgasse, wahrnehmen. Es ist mir wichtig, die Entwicklung von Figuren und Beziehungen über längere Zeiträume darzustellen. Deshalb schreibe ich auch am liebsten in Prosa.

Frage: Die einen können nur in absoluter Abgeschiedenheit etwas zu Papier bringen, andere Autoren schreiben am liebsten im größten Trubel. Wie und wo schreiben Sie?

Anne Birk: Ich schreibe nach wie vor von Hand und hause zwischen Notizzetteln, halbfertigen Reisetagebüchern und unkorrigierten Kapiteln. Einfälle notiere ich mir auf Bahnhöfen, Parkbänken und Cafés und verliere sie zuweilen auch wieder. Mit zunehmendem Alter werde ich ordentlicher.

Frage: In drei Romanen - und demnächst kommt ein vierter hinzu - beschreiben sie die Geschichte Ihrer Familie seit dem Ersten Weltkrieg - wofür ist sie Modell?

Anne Birk: In den Geschichten, die man sich in meiner Familie erzählte, spiegeln sich die Zeitläufte von der Auswanderung nach Amerika bis zu SA-Karrieren. Sozialgeschichte, Inflation, zwei Weltkriege, die Zwangsarbeiter in den Fabriken - auf lokaler Ebene fand sich alles wieder, was die Welt bewegte.

Frage: Im Mittelpunkt Ihrer Werke steht immer der einzelne Mensch: Wie hat sich Ihr Blick auf die menschlichen Verhältnisse so geschärft?

Anne Birk: Ich habe immer versucht, hinter die Fassaden zu schauen und dabei viel Unglück, Einsamkeit, Resignation und Unsicherheit gefunden. Ich habe aber auch - nicht zuletzt durch meinen Beruf - festgestellt, dass dies alles von jetzt auf nachher in Aggression umschlagen kann. Dabei hat mich immer fasziniert, zu welch unterschiedlichen Verhaltensweisen Menschen fähig sind. Ich habe großen Respekt vor Menschen, die sich einen eigenen Handlungsspielraum auch unter extremen Bedingungen erkämpfen. Das ist für mich eng mit der Vorstellung von Freiheit verbunden. Andererseits sehe ich auch die Lust, mit der man im Rudel dem bereits am Boden Liegenden einen Fußtritt verpasst.

Frage: Häufig stehen Frauen im Mittelpunkt Ihrer Werke. Verstehen Sie sich als "Frauenschriftstellerin"?

Anne Birk: Nein. Ich stelle allerdings traditionelle Frauenbilder in Frage, was weibliche Leser zuweilen durchaus stört, weil es zum Teil auch die gemütlichen Nischen in Frage stellt. Ich habe erlebt, wie die Frauen im Krieg das Leben ohne Männer organisierten und nach deren Rückkehr die Verantwortung mehr oder weniger freiwillig wieder abgaben. Das war mir unbegreiflich. In meinen Texten versuche ich Anpassungszwänge ebenso wie individuelle Freiräume zu beschreiben. Auch, dass Frauen selbst den stärksten Anpassungsdruck auf Frauen ausüben. Frauen sind für mich nicht nur Opfer der Männer und der Verhältnisse. Es geht mir darum, sie als Menschen in ihrer Komplexität, Unberechenbarkeit, mit ihren Ängsten, Erfahrungen und Hoffnungen darzustellen. Den Klärchen, Königinnen der Nacht und anderen Klischees gilt es den Menschen entgegen zu setzen.

Frage: Sie waren vor mehr als 20 Jahren Mitbegründerin der Initiative schreibender Frauen in Baden-Württemberg. Haben es Frauen im Literaturbetrieb schwerer als Männer?

Anne Birk: Das Establishment des Kulturbetriebs war bis weit in die 80er Jahre überwiegend männlich und funktionierte nach männerbündlerischen Spielregeln. Ich durfte mir mehrmals anhören, ich sei ja nicht unbegabt, aber Frauen könnten halt nicht wirklich gut schreiben. Die Initiative schreibender Frauen in Baden-Württemberg hat durch die Organisation von Lesungen und Publikationen den Autorinnen die gebührende öffentliche Resonanz verschafft. Heute werden Autorinnen überwiegend gleich behandelt wie Autoren. Sie werden nicht länger als Exoten angesehen. Man schreibt nicht besser oder schlechter, weil man eine Frau ist. Aber vielleicht schreibt man zuweilen anders.

[das Interview führte Ulrike Rapp-Hirrlinger, Pressebüro Rapp-Hirrlinger, 29.6.2005]





A
utorenportrait Anne Birk:


Anne Birk schrieb 1988 im 'Jahrbuch Schreibende Frauen' über sich:



"Ich bin 1942 in einem alemannischen Bauernhaus geboren. Zum Jahrgang von Stalingrad zu gehören als Tochter eines nationalsozialistischen Organisations-leiters war ebenso prägend für mich wie die Kindheit in einem großen Familien-clan voll leidenschaftlicher, begabter Erzähler. Das spätere Literaturstudium gestaltete sich so zum spannenden Wiederfinden bereits bekannter Situationen, Figuren und Verwicklungen auf anderen Ebenen. Aus dem Wiederfinden kristallisierte sich allmählich das Selbererfinden heraus."




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Zeit für ein gutes Buch! (10:32 Uhr, 27.03.2017)