Nachrufe

Zum Tod von Anne Birk

Auf dieser Seite finden Sie Nachrufe für Anne Birk (bürgerlicher Name: Rosemarie Tietz), sowohl beruflich-förmliche als auch ganz persönliche. Auf Basis der einzelnen Nachrufe wurden jeweils ein paar repräsentative Kurzpassagen vorangestellt; der dazugehörige Volltext lässt sich immer durch Aufklappen des anschließenden [+] Links mit nur einem buchstäblichen Klick anzeigen.

Folgende Nachrufe liegen in elektronischer Form vor (die # Links lassen Sie direkt zum jeweiligen Nachruf springen):

Esslinger Zeitung

Stuttgarter Zeitung

Gränzbote | Schwäbische Zeitung

Förderkreis deutscher Schriftsteller

Wolfram Breckle, Schelztor-Gymnasium & Georgii-Gymnasium Esslingen

Dr.Peter Kastner, Kultur-Referat der Stadt Esslingen

Stadtbücherei Esslingen

Anne Birks Neffen

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Esslinger Zeitung

Nachruf von Alexander Maier für Anne Birk aus der Esslinger Zeitung vom 31.7.2009:

»[…] Zahlreiche Freunde, Kollegen und Weggefährten erfuhren vom Tod der Schriftstellerin und Pädagogin erst gestern bei der Trauerfeier für Gerold Tietz in der Kirche St. Bernhardt. Viele reagierten erschüttert auf diese schicksalhafte Verkettung, die eine fast literarische Tragik birgt. […] Mit wachem Blick beobachtete sie die Welt und das aktuelle Zeitgeschehen, scharfsinnig analysierte sie Entwicklungen, die nachdenklich machen mussten. Vieles, was sie gesellschaftlich und politisch bewegte, fand seinen unmittelbaren Niederschlag in ihren Texten […] Anne Birk hat dafür geworben, aus der Geschichte – auch der ganz persönlichen – für die Gegenwart zu lernen. Sie hat es verstanden, Zeitgeschehen im Brennspiegel einzelner Schicksale zu zeigen. […] Ihre Figuren hat sie mit allen Widersprüchlichkeiten und Schwächen gezeigt, ohne sie zu denunzieren. […] Sie hat sich stets klar und unmissverständlich für eine gerechtere Welt eingesetzt und dabei gerade denen ihre Stimme geliehen, denen ansonsten Fürsprecher fehlen. […]«

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«Überzeugende Stimme für eine gerechtere Welt.

Die Autorin Anne Birk ist im Alter von 66 Jahren völlig überraschend gestorben

Die Esslinger Kulturszene trauert um Anne Birk. Völlig überraschend ist die Autorin am Mittwoch im Alter von 66 Jahren gestorben – nur wenige Tage nach ihrem Ehemann Gerold Tietz, mit dem sie eine jahrzehntelange, außergewöhnlich intensive Lebens- und Arbeitsbeziehung verband. Zahlreiche Freunde, Kollegen und Weggefährten erfuhren vom Tod der Schriftstellerin und Pädagogin erst gestern bei der Trauerfeier für Gerold Tietz in der Kirche St. Bernhardt. Viele reagierten erschüttert auf diese schicksalhafte Verkettung, die eine fast literarische Tragik birgt.

Anne Birk, die mit bürgerlichem Namen Rosemarie Tietz hieß, wurde 1942 in Trossingen geboren und lebte seit 1969 in Esslingen, wo sie lange am Schelztor-Gymnasium unterrichtete. Sie war Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller und Mitbegründerin der Initiative schreibender Frauen in Baden-Württemberg. Eine Fülle hoch gelobter Veröffentlichungen zieren ihre Vita: Erzählungen wie ‚Das nächste Mal bringe ich Rosen oder Warum Descartes sich weigert, seine Mutter zu baden‘ gehört ebenso dazu wie das Theaterstück ‚Nestbeschmutzung‘ oder der Roman ‚Carlos oder Vorgesehene Verheerungen in unseren blühenden Provinzen‘. Die prägende Geschichte ihrer Familie hat sie in den Romanen ‚Astern im Frost‘, ‚Weiße Flecken an der Wand‘ sowie ‚Scherbengericht‘ literarisch verarbeitet. Der bereits abgeschlossene Band ‚Kein Wunder‘ sollte demnächst folgen.

Überzeugt hat Anne Birk nicht nur durch ihr literarisches Schaffen, sondern auch durch ihre ausgeprägte menschliche Integrität – ein Charakterzug, den sie mit ihrem Ehemann teilte. Mit wachem Blick beobachtete sie die Welt und das aktuelle Zeitgeschehen, scharfsinnig analysierte sie Entwicklungen, die nachdenklich machen mussten. Vieles, was sie gesellschaftlich und politisch bewegte, fand seinen unmittelbaren Niederschlag in ihren Texten, etwa in ‚Zumutungen – Frauen und ein Paragraph‘, in denen die Esslinger Autorin literarische Protokolle von ungewollt schwangeren Frauen, die sich gegen die Zwangsberatung nach Paragraph 218 wandten, veröffentlichte. Oder zuletzt in der Erzählung ‚Examen 68‘, in der sie Alltag, Lebensgefühl und Lebensumstände von Tübinger Studenten beschreibt, die die späten 60er-Jahre alles andere als freizügig, sondern noch tief durchdrungen von gesellschaftlichen Konventionen erlebten.

Schicksale im Brennspiegel

Anne Birk hat dafür geworben, aus der Geschichte – auch der ganz persönlichen – für die Gegenwart zu lernen. Sie hat es verstanden, Zeitgeschehen im Brennspiegel einzelner Schicksale zu zeigen. ‚Schreiben ermöglicht mir die Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen, die menschliche Grundsituationen berühren‘, hat sie erklärt. Ihre Figuren hat sie mit allen Widersprüchlichkeiten und Schwächen gezeigt, ohne sie zu denunzieren. Sie war durchdrungen von der tiefen Überzeugung, dass eine Gesellschaft nur funktionieren kann, wenn sich auch der Einzelne für sie verantwortlich fühlt und nicht aus Bequemlichkeit wegsieht, wo man hinschauen und die Stimme erheben muss. Sie hat sich stets klar und unmissverständlich für eine gerechtere Welt eingesetzt und dabei gerade denen ihre Stimme geliehen, denen ansonsten Fürsprecher fehlen. Und weil sie Ideale nicht nur formuliert, sondern auch gelebt hat, wurde sie von vielen nicht nur gehört, sondern als moralische Instanz respektiert. Mit Anne Birk und Gerold Tietz sind binnen weniger Tage zwei der wichtigsten und geachtetsten Stimmen der Esslinger Literatur für immer verstummt. Doch ihre Ideale leben in jedem ihrer Bücher weiter – als Vermächtnis, das all denen gehört, die jeden Morgen im Bewusstsein aufstehen, dass der Mensch auch dafür geboren wurde, unsere Welt ein bisschen besser, gerechter und damit auch lebenswerter zu machen.«

Autor: Alexander Maier

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Stuttgarter Zeitung

Nachruf für Anne Birk aus der Stuttgarter Zeitung/ Filderzeitung vom 31.7.2009:

»[…] Sie war die bedeutendste Literatin in den Mauern der Stadt. […] studierte Germanistik und Anglistik […] Sie gab sechs Anthologien heraus, schrieb Gedichte, Satiren, ein Drama und mehrere beachtenswerte zeitgeschichtliche Romane. […]«

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»Kritische Beobachterin der Zeitgeschichte

Ein schwerer Schlag hat das Esslinger Literaturleben erschüttert: Die Schriftstellerin Anne Birk, 66 , ist am Mittwoch gestorben. Sie war die Frau des Autors [Gerold Tietz], der am 24. Juli starb, und ist damit ihrem Mann nur um wenige Tage nachgefolgt. Sie war die bedeutendste Literatin in den Mauern der Stadt. Wie wenige hat sie ihren Beruf ernst genommen sowie zeitkritische Themen verarbeitet. Zudem hat sie sich besonders für schreibende Frauen interessiert. Sie wurde 1942 in Trossingen geboren, studierte Germanistik und Anglistik und zog 1969 nach Esslingen. Von 1978 bis 1985 war sie im Vorstand des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg. Sie gab sechs Anthologien heraus, schrieb Gedichte, Satiren, ein Drama und mehrere beachtenswerte zeitgeschichtliche Romane.«

Autor: uls

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Gränzbote | Schwäbische Zeitung

Gränzbote | Schwäbische Zeitung: Nachruf für Anne Birk aus der Schwäbischen Zeitung vom 3.8.2009:

»[…] Die 66-Jährige ist in Trossingen geboren, in Tuttlingen aufgewachsen und lebte seit 1969 in Esslingen. […] in ihrem literarischen Schaffen ging es der aufrechten Frau um die Aufarbeitung von Erlebtem, das in Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stand, während des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. […] 1999 erschien der erste Teil ihrer Trilogie: der vielbeachtete Roman „Astern im Frost“, in dem sie die Kindheits- und Jugenderinnerungen ihrer Mutter in Trossingen verarbeitete. […] Anne Birk gab dem Erlebten von Menschen eine Stimme, ihr Anliegen war es, aus den Erfahrungen Lehren zu ziehen, verbunden mit der Hoffnung, die Welt zu verbessern. […]«

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»Anne Birk ist gestorben

Völlig überraschend ist die Schriftstellerin Anne Birk am vergangenen Mittwoch in Esslingen bei Stuttgart gestorben. Sie starb nur wenige Tage nach ihrem Mann Gerold Tietz. Die 66-Jährige ist in Trossingen geboren, in Tuttlingen aufgewachsen und lebte seit 1969 in Esslingen.

(TROSSINGEN/ESSLINGEN/fam) Mit richtigem Namen hieß Anne Birk Rosemarie Tietz, sie war die Tochter des früheren Tuttlinger Volksschullehrers Karl Schumacher. Den Namen Birk hatte sie in Gedenken an ihre Mutter als Pseudonym gewählt. Denn in ihrem literarischen Schaffen ging es der aufrechten Frau um die Aufarbeitung von Erlebtem, das in Zusammenhang mit politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen stand, während des zweiten Weltkrieges und der Nachkriegszeit. Obwohl sie Germanistik und Anglistik studiert hat, begann Anne Birk wohl erst Ende der 1970/ Anfang 1980er Jahre mit dem Schreiben eigener Texte: zunächst Prosa, später auch Satiren. Seit den 1980er Jahren war sie Jury-Mitglied in der Kunststiftung und im Vorstand des Förderkreises deutscher Schriftsteller Baden-Württemberg. Anne Birk ist auch Mitbegründer der Initiative schreibender Frauen in Baden-Württemberg.

1999 erschien der erste Teil ihrer Trilogie: der vielbeachtete Roman „Astern im Frost“, in dem sie die Kindheits- und Jugenderinnerungen ihrer Mutter in Trossingen verarbeitete. Es folgten „Weiße Flecken an der Wand“ und „Scherbengericht“. Die eigentlich gemeinten Handlungsorte Trossingen und Tuttlingen werden in den Büchern „Neustadt“ und „Sontheim“ genannt.

Vielbeachtet war auch ihr Theaterstück „Nestbeschmutzung“. In „Zumutungen – Frauen und ein Paragraph“ ließ sie ungewollt schwangere Frauen zu Wort kommen, die sich der Zwangsberatung nach Paragraph 218 aussetzen mussten.

Anne Birk gab dem Erlebten von Menschen eine Stimme, ihr Anliegen war es, aus den Erfahrungen Lehren zu ziehen, verbunden mit der Hoffnung, die Welt zu verbessern. In ihrer zuletzt erschienen Erzählung „Examen 68“ zeichnete sie ein anderes Bild des studentischen Lebens im Tübingen der 1960er Jahre, das stark von den damals herrschenden gesellschaftlichen Regeln eingeschränkt und nicht frei war. Anne Birk hatte zum Schluss an dem Band „Kein Wunder“ gearbeitet, der demnächst erscheinen soll.

Obwohl sie seit 1969 in Esslingen am Neckar lebte, kam sie regelmäßig in den Landkreis Tuttlingen und hielt hier Lesungen. Zuletzt im Januar 2008 in der Buchhandlung Greutter in Tuttlingen, wo sie zusammen mit ihrem Mann Gerold Tietz anlässlich der Wechselausstellung „Kindheit in Tuttlingen“ im Fruchtkasten aus ihren Werken las.«

Autor: fam

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Förderkreis deutscher Schriftsteller

Nachruf von Regine Kress-Fricke vom Förderkreis deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg e.V. | FdS online (schriftsteller-in-bawue) vom 07.09.2009:

»[…] Mit seinem Tod hatten Anne Birk alle Kräfte verlassen. […] Sie und ihr Mann waren beide Pädagogen aus Überzeugung, beide auch Autoren und sich gegenseitig strenge Kritiker. […] Wir teilten den Zorn über die Benachteiligung von Frauen, die Empörung über gesellschaftliche Mißstände, Militarismus, die sanktionierte Habgier und die bedenkenlose Ausbeutung der Natur mit Hinnahme gesundheitlicher Risiken für die Allgemeinheit. […] Mit der Arbeit der Initiative [‚Schreibende Frauen‘] hat sich Anne Birk identifiziert […] über 90 Veranstaltungen im Rekordjahr 1988. […] Frauen, ihre Lebensbedingungen, standen im Mittelpunkt von Anne Birks literarischen Arbeiten […] schildert sie Frauen, die die Konsequenzen männlicher Entscheidungen zu tragen haben: Krieg, Hunger, Enge, Festlegung auf weibliches Rollenverhalten. […] Ihre Kompetenz im Umgang mit und der Beurteilung von Literatur wurde von allen geschätzt. […] Gut zwei Jahre waren den Beiden nach Ausbruch der bösartigen Krankheit ihres Mannes noch vergönnt. […] Die literarische Arbeit war ihnen Herausforderung und Erfüllung zugleich. […] Zuletzt blickten sie nur noch auf die Zeiger einer großen Uhr, aber den Wettlauf gegen die Zeit konnten sie nicht gewinnen. […]«

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»Anne Birk – Ein Nachruf

Anne Birk ist tot. Wenige Tage vor ihrem 67. Geburtstag, am 29. Juli 09, starb sie in Esslingen, fünf Tage nachdem ihr Mann Dr. [Gerold Tietz] seiner schweren Krankheit erlegen war. Die beiden verband eine enge, produktive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft. Mit seinem Tod hatten Anne Birk alle Kräfte verlassen.

Sie und ihr Mann waren beide Pädagogen aus Überzeugung, beide auch Autoren und sich gegenseitig strenge Kritiker. Zuerst hatte Anne Birk zur Feder gegriffen und sich nach zahlreichen Buchpublikationen mit ihrer dreibändigen Familiensaga im Europa Verlag einen respektablen Erfolg erschrieben. Das Debüt ihres Mannes erfolgte 1989 mit dem Prosaband ‚Satiralien – Berichte aus Beerdita‘, weitere historisch fundierte Romane und Erzählungen schlossen sich an und bescherten ihm in den letzten Jahren Preise und die Übersetzung seiner Arbeiten ins Tschechische.

Es fällt schwer, das Unfassbare anzunehmen. Über dreißig Jahre verband Anne Birk (mit bürgerlichem Namen Rosemarie Tietz) und mich die Zusammenarbeit in Sachen Literatur und eine feste Freundschaft, in die auch ihr Mann Gerold mit einbezogen war. Wir teilten den Zorn über die Benachteiligung von Frauen, die Empörung über gesellschaftliche Mißstände, Militarismus, die sanktionierte Habgier und die bedenkenlose Ausbeutung der Natur mit Hinnahme gesundheitlicher Risiken für die Allgemeinheit. Ihr 1984 im Karlsruher Theater ‚Die Insel‘ uraufgeführtes Stück ‚Nestbeschmutzung‘ hatte letzteres zum Thema.

Wenn ich an Ro, wie wir sie vertraut nannten, denke, fällt mir sofort auch die Initiative ‚Schreibende Frauen in Baden-Württemberg‘ ein. Die Initiative war unser Kind. Die Verärgerung über den damals männlich dominierten Literaturbetrieb hatte uns frühzeitig ein Bündnis schließen lassen. Nach dem Knaller beim mittelalterlich inspirierten ‚Sängerfest der Literatur‘, bei dem Schinken und Käseräder zu gewinnen waren, traten wir mit unserem Bündnis aus der Hinterstube an die Öffentlichkeit.

Hintergrund war die ‚tapfer männliche‘ Preisverleihung einer ausschließlich aus Kollegen bestehenden Jury, die von sechzehn Preisen gnädig Nummer 16 an die damals bekannte Eva Vargas verlieh. Immerhin gab es auch 1981 einige männliche Zweifler, denen die Entscheidungen der Preisvergeber unliebsam auffielen.

Mit dem Erfolg der Initiative sind auch Namen wie Vera Zingsem, die projektbezogen an der Vorbereitung der Litera-Tour und der Herausgabe der 2000 erschienenen Anthologie ‚Beifall für Lilith‘ mitarbeitete, und Birgit Heiderich verbunden. Birgit Heiderich engagierte sich maßgeblich viele Jahre für das Bündnis. Sie, Anne Birk und ich waren ein eingespieltes Trio und deshalb erfolgreich, weil wir uns alle drei freundschaftlich zugetan waren und auch die gelegentlichen Marotten der Freundinnen ertragen konnten.

Mit der Arbeit der Initiative hat sich Anne Birk identifiziert, die war ihr wichtig. In einem ihrer Bücher ‚Der Ministerpräsident‘ listet sie die Aktionen der Initiative bis 1988 auf: u.a. die Verleihung des mit 5000 DM dotierten Marlen-Haushofer-Preises und die über 90 Veranstaltungen im Rekordjahr 1988.

Frauen, ihre Lebensbedingungen, standen im Mittelpunkt von Anne Birks literarischen Arbeiten (‚Zumutungen. Frauen und ein Paragraph‘). Noch 2007, bei unserem letzten großen Gemeinschaftsprojekt, der Herausgabe der zweisprachigen Anthologie ‚Die halbe Herrlichkeit den Frauen‘ mit Beiträgen mexikanischer und deutscher Autorinnen, schrieb sie über Schwangerschaft als Karrierehindernis. Das Thema ließ sie nicht los, nachzulesen auch in ihrer Familiensaga z.B. in dem Roman ‚Astern im Frost‘ (1999), der vor dem 1. Weltkrieg ansetzt. Darin schildert sie Frauen, die die Konsequenzen männlicher Entscheidungen zu tragen haben: Krieg, Hunger, Enge, Festlegung auf weibliches Rollenverhalten. Geboren in der baden-württembergischen Kleinstadt Trossingen kannte sie einige Verhaltensweisen aus näherer Anschauung. Sie hatte selbst noch in der Familie die Zustimmung zum Germanistik- und Anglistikstudium erkämpfen müssen.

Neben dem spezifischen Engagement für Frauen stand sie auch für Aufgaben in der Literaturförderung in und außerhalb des Literaturbetriebs zur Verfügung. Sie scheute sich nicht, sich die Arbeit eines Jurymitglieds des Förderkreises deutscher Schriftsteller und der Kunststiftung Baden-Württemberg (1981 – 1984) aufzubürden. Dem Förderkreis, deren 1. Vorsitzende heute Dr. Renate Müller-Buck ist, stand sie von 1978 – 1985 nicht nur als Mitglied der Jury, sondern auch des Vorstands zur Seite. Ihre Kompetenz im Umgang mit und der Beurteilung von Literatur wurde von allen geschätzt. Wie sie alle diese Aufgaben neben ihrem Beruf als Pädagogin, den von ihr außerhalb des Schulbetriebs betreuten Theater AGs und der Schriftstellerei bewältigte, bleibt ihr Geheimnis. Gewiß trug zu ihrer Belastbarkeit auch die Entlastung durch ihren Ehemann Gerold Tietz bei. Er übernahm einen Teil der Arbeitslast im Haushalt und der Aufgaben des täglichen Dschungelkampfes.

Gut zwei Jahre waren den Beiden nach Ausbruch der bösartigen Krankheit ihres Mannes noch vergönnt. Sie haben diese Zeit intensiv genutzt, mit Ausflügen in die Natur, Theaterbesuchen und dem Schreiben. Die literarische Arbeit war ihnen Herausforderung und Erfüllung zugleich. Beide setzten noch den Schlußpunkt unter ein fertiges Buchmanuskript. Dass es der endgültige sein würde, ahnte niemand. Der Kampf gegen die schwere Krankheit ihres Mannes forderte auch Anne Birks ganze Kraft. Zuletzt blickten sie nur noch auf die Zeiger einer großen Uhr, aber den Wettlauf gegen die Zeit konnten sie nicht gewinnen. Nicht Gerold Tietz, nicht Anne Birk. Adieu. Macht’s gut.«

Autorin: Regine Kress-Fricke

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Wolfram Breckle

Wolfram Breckle: Nachruf für Rosemarie Tietz (Pseudonym: Anne Birk), gehalten auf der Trauerfeier am 5. August 2009, Friedhof Esslingen St. Bernhardt:

»[…] waren ihr stets ein anspruchsvoller Unterricht in Deutsch in der Oberstufe ebenso wichtig wie die intensive Förderung der Unterstufe in den beiden Fächern Deutsch und Englisch. Auf ihre Initiative geht die Einrichtung einer Grammatik-AG in der Unterstufe zurück wie auch die einer Presse-AG, ein Projekt, das später dann in der Homepage-AG weitergeführt wurde. […] In früheren Berufsjahren am Georgii-Gymnasium leitete sie eine Theater-AG und führte auch auf ganz unkonventionelle Art und Weise ihre Schüler*innen an Literatur heran. […] Sie war streitbar, wenn sie für ihre von tiefster Humanität bestimmten Überzeugungen eintrat, und vertrat selbstbewusst, geradlinig und engagiert ihre Anliegen. […] In ihren Anfangsjahren als Lehrerin setzte sie sich in einer noch stark von Männern geprägten Berufswelt am Gymnasium mutig und emanzipiert für die Anliegen von Frauen im Kollegium ein. Auch hierin war sie – insbesondere für die jüngeren Kolleginnen – ein Vorbild. […]«

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»Sehr verehrte Angehörige,
sehr geehrte Trauergemeinde,

die Schulgemeinschaften des Schelztor-Gymnasiums und des Georgii-Gymnasiums trauern um ihre ehemalige Kollegin, Frau Rosemarie Tietz. Frau Tietz war von 1997 bis 2002 am Schelztor-Gymnasium als Lehrerin für Deutsch und Englisch tätig. Sie hatte sich für ihre letzten Berufsjahre nach sechzehn jähriger Tätigkeit am Georgii-Gymnasium aus gesundheitlichen Gründen auf eigenen Wunsch an das Schelztor-Gymnasium versetzen lassen, um so die Schule zu Fuß in erreichbarer Nähe zur Wohnung zu haben.

Frau Rosemarie Tietz war eine auf allen Stufen des Gymnasiums sehr erfolgreich arbeitende Kollegin. Dabei waren ihr stets ein anspruchsvoller Unterricht in Deutsch in der Oberstufe ebenso wichtig wie die intensive Förderung der Unterstufe in den beiden Fächern Deutsch und Englisch. Auf ihre Initiative geht die Einrichtung einer Grammatik-AG in der Unterstufe zurück wie auch die einer Presse-AG, ein Projekt, das später dann in der Homepage-AG weitergeführt wurde.

In früheren Berufsjahren am Georgii-Gymnasium leitete sie eine Theater-AG und führte auch auf ganz unkonventionelle Art und Weise ihre Schüler*innen an Literatur heran. Themen der Literatur und die dahinter stehenden Autoren sollten stets im Alltag für die Schüler*innen erlebbar werden. So bereitete sie immer wieder Autorenlesungen vor und vermittelte ihren Schüler*innen auf sehr lebendige und anschauliche Weise Widersprüchlichkeiten, Stärken und Schwächen menschlichen Verhaltens in der Literatur und im Alltag. Sie war streitbar, wenn sie für ihre von tiefster Humanität bestimmten Überzeugungen eintrat, und vertrat selbstbewusst, geradlinig und engagiert ihre Anliegen.

In ihren Anfangsjahren als Lehrerin setzte sie sich in einer noch stark von Männern geprägten Berufswelt am Gymnasium mutig und emanzipiert für die Anliegen von Frauen im Kollegium ein. Auch hierin war sie – insbesondere für die jüngeren Kolleginnen – ein Vorbild.

Frau Rosemarie Tietz hat über viele Jahre die pädagogische Arbeit am Georgii-Gymnasium und am Schelztor-Gymnasium geprägt und mitgestaltet.

Die Schulgemeinschaften beider Gymnasien danken Frau Rosemarie Tietz für ihre engagierte Arbeit und nehmen tief bewegt Abschied.«

Autor: Wolfram Breckle

Dr.Peter Kastner

Dr.Peter Kastner, Kultur-Referent der Stadt Esslingen; Nachruf für Anne Birk und Gerold Tietz, gehalten auf der Trauerfeier am 5. August 2009, Friedhof Esslingen St. Bernhardt:

»[…] Beide – Rosemarie wie Gerold Tietz – waren hoch angesehene Pädagogen, die ihr Wissen und ihre Sprache genutzt haben, um – in einer engen Lebens- und Arbeitspartnerschaft – literarisch zu wirken. […] Sie hatte sich schon in den Siebziger Jahren literarisch betätigt und war eine agile Kämpferin für die Literaturszene in Baden-Württemberg […] „Papierboote“ hieß Anne Birks erste Buchveröffentlichung und es folgten bis zu ihrem Tode 10 Werke, darunter ihr Opus Magnum, die „Trilogie zur deutschen Geschichte“. […] Anne Birk war eine genaue Analytikerin und präzise Erzählerin, die ihre Geschichten fand im lokalen, alemannischen Raum, in dem – wie sie selbst sagte – „sich alles wiederfand, was die Welt bewegte“ – Inflation, Weltkriege, Nationalsozialismus, Zwangsarbeiterschaft […] Verfechter einer kritisch-aufklärerischen Literatur […] Geros Sterben hat Rosemaries Herz gebrochen. […]«

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»Wir trauern um Rosemarie Tietz. Der schmerzliche Verlust ist nicht zu denken ohne den ebenso herben Verlust von Gerold Tietz nur wenige Tage zuvor.

Im Namen der Stadt Esslingen, des Kulturreferats, der Stadtbücherei, des Frauenbüros und des Dienstagskreises spreche ich den Hinterbliebenen mein Beileid aus. Die kulturelle und literarische Gemeinschaft Esslingens und darüber hinaus ist zutiefst betroffen vom Dahinscheiden der beiden geschätzten Autoren.

Beide – Rosemarie wie Gerold Tietz – waren hoch angesehene Pädagogen, die ihr Wissen und ihre Sprache genutzt haben, um – in einer engen Lebens- und Arbeitspartnerschaft – literarisch zu wirken.

So untrennbar sie im Leben und nun auch im Sterben waren, so unterschiedlich war ihre literarische Arbeit.

Rosemarie Tietz hatte sich als Autorin den Namen Anne Birk zugeeignet. Sie hatte sich schon in den Siebziger Jahren literarisch betätigt und war eine agile Kämpferin für die Literaturszene in Baden-Württemberg – als Mitglied des Verbands deutscher Schriftsteller, in der Jury und im Vorstand des Förderkreises deutscher Schriftsteller, in der Jury der Kunststiftung, bei der Gedok Stuttgart und als Mitbegründerin der Initiative schreibender Frauen. Auch im Namen dieser literarischen Vereinigungen spreche ich Trauer und Beileid aus. „Papierboote“ hieß Anne Birks erste Buchveröffentlichung und es folgten bis zu ihrem Tode 10 Werke, darunter ihr Opus Magnum, die „Trilogie zur deutschen Geschichte“.

[…] Anne Birk war eine genaue Analytikerin und präzise Erzählerin, die ihre Geschichten fand im lokalen, alemannischen Raum, in dem – wie sie selbst sagte – „sich alles wiederfand, was die Welt bewegte“ – Inflation, Weltkriege, Nationalsozialismus, Zwangsarbeiterschaft, eine politische Entwicklung bis in die Gegenwart und die Schicksale von Frauen von damals bis heute.

[…] Eine unterschiedliche Literaturbiografie, verschiedene Themen und unterschiedlicher literarischer Ausdruck, aber dennoch einte beide eine enge Partnerschaft in Leben und Arbeit. Beider Werke sind von durchgehender Gemeinsamkeit durchzogen – der Missbilligung der gegebenen Zustände, der kritischen Inaugenscheinnahme von Geschichte und Gegenwart und der unerschütterlichen Überzeugung an eine bessere, gerechte Welt. Ich erinnere mich an ein langes Gespräch mit Anne Birk über den Eingangspassus von Ernst Blochs „Tübinger Einleitung in die Philosophie“. Dort heißt es: „Ich bin, aber ich habe mich nicht. Also müssen wir werden.“ Diese Utopie Blochs könnte das literarische Ansinnen beider Verstorbener kennzeichnen, verweist aber auch auf ihr Zueinander, das sie zum Verfechter einer kritisch-aufklärerischen Literatur machte. So war einer dem anderen doch ein alter ego, ein wie – Charles Baudelaire im Gedicht „Tod der Liebenden“ schreibt – „in unserer Doppelseele Widerschein“. Geros Sterben hat Rosemaries Herz gebrochen.

Was bleibt? Natürlich das Entsetzen über das Sterben beider. Aber da sind auch die unschätzbaren Erinnerungen an die Gespräche mit beiden, an die literarischen Abende in der Stadtbücherei, da ist das Vorbild, das sie uns gegeben haben, die Welt differenziert und kritisch zu betrachten und da sind ihre Bücher, die uns geblieben sind und die sie lebendig lassen. Und jeder Griff zu einem der Bände bringt sie uns zurück – nochmals Baudelaire – „weckt zu neuem Leben, neuer Schimmer erloschener Spiegel“.«

Dr. Peter Kastner

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Stadtbücherei Esslingen

Esslinger Zeitung | Stadtbücherei Esslingen: Gedenkveranstaltung für Anne Birk und Gerold Tietz, 10.10.2009 | von Elke Ebert

»[…] Eine intensive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft verband Rosemarie und Gerold Tietz. Im Juli starben beide im Alter von 66 und 67 Jahren im Abstand von nur fünf Tagen. […] „Ihre Texte und Gedanken sind ihr Erbe.“ […] Im April 2006 schrieb Anne Birk über ihre Ängste, „dem Tod zu verfallen, bevor ich alles erzählt habe“. […] Vielleicht erzählt „Schatten“ sogar, warum Rosemarie Tietz zum Schreiben gefunden hat. In dieser Erzählung flüstern die soeben gestorbene Tante und die nur sechseinhalb Tage alt gewordene „ältere“ Schwester der Protagonistin auf dem Friedhof zu: „Wir sind gestorben, aber tot sind wir erst dann, wenn keiner mehr von uns erzählt – erzähl!“ […] Beide verknüpften das Zeitgeschehen mit dem Alltag, zeigten exemplarisch die Auswirkungen von Politik und Geschichte auf das Leben und Schicksal des Einzelnen. […] „sie war eine gerechte, aber strenge Kritikerin.“ […] „Anne Birk hat mit differenziertem Blick gezeigt, wie sich politische Entscheidungen auf den Alltag von Frauen auswirken.“ […] In einer ihrer Erzählungen aus „Kreta“ schreibt Birk: „Wir brauchen keine Bücher mehr, wir haben ja den Himmel.“ […]«

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»“Wir haben ja den Himmel“

Stadtbücherei würdigt Anne Birk und Gerold Tietz

Eine intensive Lebens- und Arbeitsgemeinschaft verband Rosemarie und Gerold Tietz. Im Juli starben beide im Alter von 66 und 67 Jahren im Abstand von nur fünf Tagen. In der Stadtbücherei würdigten nun Schriftstellerkolleginnen, Mitstreiter und Weggefährten in einer Literarischen Hommage die unter dem Pseudonym Anne Birk schreibende „Ro“ und ihren Ehemann „Gero“ Tietz. Kulturreferent Peter Kastner betonte: „Esslingen hat zwei wichtige und kluge Schriftsteller verloren. Dieser Abend soll beide lebendig halten. Ihre Texte und Gedanken sind ihr Erbe.“

Im April 2006 schrieb Anne Birk über ihre Ängste, „dem Tod zu verfallen, bevor ich alles erzählt habe“. Sie hat ihre Stimme erhoben und viel erzählt, gerne hätte es noch viel mehr sein dürfen. Eineinhalb Stunden lang las die Schauspielerin Natascha Meyer konzentriert und mitreißend aus vorwiegend bisher unveröffentlichten Manuskripten der beiden Autoren. Gebannt und fast atemlos folgte ihr das Publikum im Kutschersaal. Deutlich wurde ihr besonderer Humor, ihre differenzierte Betrachtungsweise und mit welcher Eleganz und Präzision die beiden erzählen konnten. Wie wichtig es ihnen außerdem war, Kritik zu üben und sich für eine bessere Welt einzusetzen. Die Familie der Verstorbenen hatte die Geschichten und Erzählungen ausgesucht, sie beleuchteten auch das Verhältnis der beiden zueinander, ihre von tiefem Verständnis füreinander getragene Liebe. Vielleicht erzählt „Schatten“ sogar, warum Rosemarie Tietz zum Schreiben gefunden hat. In dieser Erzählung flüstern die soeben gestorbene Tante und die nur sechseinhalb Tage alt gewordene „ältere“ Schwester der Protagonistin auf dem Friedhof zu: „Wir sind gestorben, aber tot sind wir erst dann, wenn keiner mehr von uns erzählt – erzähl!“

Strenge Kritikerin

Beide verknüpften das Zeitgeschehen mit dem Alltag, zeigten exemplarisch die Auswirkungen von Politik und Geschichte auf das Leben und Schicksal des Einzelnen. Anne Birk veröffentlichte unter anderem eine im Schwäbischen beheimatete Roman-Trilogie zur deutschen Geschichte. 2008 erschien die Erzählung „Examen 68“. […]

Peter Kastner, selbst Autor, hatte sich alle zwei Wochen mit Rosemarie Tietz getroffen, „sie war eine gerechte, aber strenge Kritikerin.“ Auch der Esslinger Autor Olaf Nägele hat ihre Kritik geschätzt, ebenso die Werkstattgespräche mit ihr. 1980 war Birk gemeinsam mit Regine Kress-Fricke Gründerin der „Initiative schreibender Frauen in Baden-Württemberg“. Emanzipation war noch lange nicht im Alltag angekommen und so stritten sie vehement und erfolgreich für die Rechte der Frauen. Esslingens Frauenbeauftragte Beate Latendorf betonte: „Anne Birk hat mit differenziertem Blick gezeigt, wie sich politische Entscheidungen auf den Alltag von Frauen auswirken.“ Kritisch habe Birk, so die Schriftstellerin Vera Zingsem, die enge schwäbische Welt beschrieben, aber auch mit Augenzwinkern und mit viel Humor.

[…] In einer ihrer Erzählungen aus „Kreta“ schreibt Birk: „Wir brauchen keine Bücher mehr, wir haben ja den Himmel.“ Rosemarie und Gerold Tietz haben jetzt hoffentlich für immer den Himmel, wir haben zum Glück noch ihre Bücher.«

Autorin: Elke Ebert

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Anne Birks Neffen

Nachruf für Rosemarie Tietz (Pseudonym: Anne Birk), gehalten von ihren Neffen auf der Trauerfeier am 5. August 2009, Friedhof Esslingen St. Bernhardt:

»[…] Dein Mann Gero hat den Satz geprägt: „Zwischen den Stühlen fühle ich mich wohl. Das ist für einen Schreibenden der angemessene Platz“. Dieser Satz hatte auch für dich Gültigkeit – wie so vieles, was ihr beide geteilt habt. […] Du hast dich bewusst dafür entschieden, Bücher für die Nische „zwischen den Stühlen“ zu schreiben. Und dabei ist es so viel leichter, das zu schreiben, was alle lesen wollen. Du hast dich für jenen Part entschieden, den alle lesen sollten. […] ganz generell war dir die Freiheit des Handelns, des Geistes und der Meinungsäußerung immer überaus wichtig. […] In Friedrich Dürrenmatt’s Physiker sagt „Möbius“ am Ende: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Und ich möchte ergänzen: „Was einmal geschrieben wurde, erst recht nicht“. Mit deinen, mit euren Büchern, habt ihr beide ein wichtiges Stück Geschichte festgehalten – in einer einzigartigen Weise, aus einem einzigartigen Blickwinkel. Und eure Werke sind und bleiben dabei zugleich mahnend als auch brückenschlagend. […] Du, wie auch Gero, ihr beide musstet euch für eure selbstkritische Offenheit den Vorwurf der Nestbeschmutzung gefallen lassen. Aber ihr habt euch nicht beirren lassen. […] Du hast dich eingesetzt für Frauen – aber du wolltest nicht als „Frauenschriftstellerin“ abgestempelt werden; […] Noch einen Monat vor deinem Tod hast du in gewohnter Professionalität eine Lesung stellvertretend für Gero gehalten – aber dann begannen auch bei dir die Kräfte im selben Maße zu schwinden wie bei ihm. […] Ihr habt beide kaum noch gegessen; ihr schient Schritt für Schritt in die Apathie zu fallen. Am Ende warst auch du abgemagert und abgekämpft. Vollkommen unwirklich – und doch, leider, real. […] Du und Gero, ihr habt ein Leben lang alles zusammen gemacht, seid zusammen gereist, habt zusammen geschrieben, zusammen gelebt – und am Ende zusammen gelitten. Jetzt seid ihr auch zusammen von uns gegangen. […]«

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»Für uns, deine Neffen, hatten Aufsätze, Gedichtinterpretationen und jedwede Literatur zu Schulzeiten immer den Hauch einer Strafarbeit – und, um ehrlich zu sein, waren es ab und an vermutlich auch Strafarbeiten, die uns unsere Lehrer verpasst hatten.

Literatur i.w.S. war für dich aber alles andere als eine Strafarbeit. Ganz im Gegenteil. Sie hatte seit jeher einen festen Platz in deinem Leben. In eurem Leben.

Dein Mann Gero hat den Satz geprägt: „Zwischen den Stühlen fühle ich mich wohl. Das ist für einen Schreibenden der angemessene Platz“. Dieser Satz hatte auch für dich Gültigkeit – wie so vieles, was ihr beide geteilt habt.

Deine, eure, Bücher waren niemals gedacht als Geschichtsbücher, sondern sie hatten bewusst einen Platz neben den Geschichtsbüchern, quasi als Brennglas-Perspektive der Geschichte im gemeinen Alltagsleben – in dem „gemein“ nicht selten seiner Doppeldeutigkeit gerecht wurde. Deine, eure, Bücher waren auch niemals die Massen-Literatur, die sich maximal verkaufen lässt, und deren potenzielle Verfilmbarkeit schon bei der Entstehung noch mehr im Mittelpunkt steht als der eigentliche Inhalt. Du hast dich bewusst dafür entschieden, Bücher für die Nische „zwischen den Stühlen“ zu schreiben. Und dabei ist es so viel leichter, das zu schreiben, was alle lesen wollen. Du hast dich für jenen Part entschieden, den alle lesen sollten. Man findet dich heute folglich nicht auf den Bestseller-Listen; aber ich glaube, dass du darüber im Grunde mehr stolz als traurig warst. Schreibende Kollegen, die sich verbiegen mussten, um ihre Bücher in den Druck bei Verlagen und in die Regale der Buchläden zu bekommen, hast du allenfalls bemitleidet. Und auch ganz generell war dir die Freiheit des Handelns, des Geistes und der Meinungsäußerung immer überaus wichtig.

In Friedrich Dürrenmatt’s Physiker sagt „Möbius“ am Ende: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Und ich möchte ergänzen: „Was einmal geschrieben wurde, erst recht nicht“. Mit deinen, mit euren Büchern, habt ihr beide ein wichtiges Stück Geschichte festgehalten – in einer einzigartigen Weise, aus einem einzigartigen Blickwinkel. Und eure Werke sind und bleiben dabei zugleich mahnend als auch brückenschlagend.

Auch wenn du formal Romane geschrieben hast, so hast du dich doch in „Astern im Frost“, „Weiße Flecken an der Wand“, und „Scherbengericht“ mit deiner eigenen Familiengeschichte auseinandergesetzt – kritisch, selbstkritisch, manchmal schonungslos; für manche direkt oder indirekt Beteiligten zu schonungslos. Du, wie auch Gero, ihr beide musstet euch für eure selbstkritische Offenheit den Vorwurf der Nestbeschmutzung gefallen lassen. Aber ihr habt euch nicht beirren lassen.

Du warst eine streitbare Person, eine durchaus polarisierende Diskussionsteilnehmerin, und manchmal wahrscheinlich auch eine nicht einfache Persönlichkeit. Aber niemand kann dir Rückgrat absprechen oder dir vorwerfen, Positionen nicht klar bezogen, geäußert und verteidigt zu haben. Auch – bzw. gerade dann – wenn sie unpopulär und unbequem waren und weh taten. Und auch diese Haltung einer kritischen Standfestigkeit hattest du, wie so vieles, mit Gero gemeinsam.

Du hast dich eingesetzt für Frauen – aber du wolltest nicht als „Frauenschriftstellerin“ abgestempelt werden; das war dir zu einfach, zu einseitig, und es hatte für dich meist einen leicht abwertenden Unterton.

Du warst kein Freund von Verklärung, von Beschönigung, oder gar von schmalzigen Lobhudeleien. Schon deshalb will ich davon auch heute Abstand nehmen. Wie jeder von uns hattest auch du deine schwächeren Seiten – und diese waren wohl vornehmlich bei den praktisch-bodenständigen Dingen des Lebens zu finden. Neben all dem anderen, unsagbaren Schmerz, der mit Gero’s Tod verbunden war, hatte dich zuletzt vermutlich zusätzlich stark belastet, wie du mit all dieser alltäglichen Last ohne ihn zurechtkommen solltest.

Nach außen warst du meist stark – aber nicht zu unrecht sagt man: „Hinter jedem starken Menschen steht ein starker Partner“. Für dich war das zweifelsfrei Gero.

Noch einen Monat vor deinem Tod hast du in gewohnter Professionalität eine Lesung stellvertretend für Gero gehalten – aber dann begannen auch bei dir die Kräfte im selben Maße zu schwinden wie bei ihm. Aus Schilderungen am Telefon für mich nicht vorstellbar – und doch erschreckende Realität als ich dich – und Gero – eine Woche vor seinem Tod zum letzten Mal persönlich gesehen habe. Ihr habt beide kaum noch gegessen; ihr schient Schritt für Schritt in die Apathie zu fallen. Am Ende warst auch du abgemagert und abgekämpft. Vollkommen unwirklich – und doch, leider, real.

Wir wissen selbstverständlich nicht, was in den letzten Wochen, und v.a. auch der Nacht in dir vorging, als Gero starb. Das, was sich von außen interpretieren lässt, lässt sich vielleicht am ehesten mit einem Gedichtauszug von Pablo Neruda – den ihr beide sehr geschätzt habt – wiedergeben:

„Mitten in der Nacht windet sich mein Herz und zerquält sich.
Gegeißelt von den Peitschen des Traums, die es zerstriemen.
Für dieses Ungeheure gibt es nichts mehr auf Erden.
Gibt es nichts mehr.
Es entschwinden die Schatten, und alles bricht zusammen.
In meine Ruinen stürzen die Balken meines Herzens.

Erloschen sind die weißen, stählernen Morgensterne.
Alles zerbirst, geht unter. Alles verweht und schwindet.
Es ist der Schmerz, der aufheult wie ein Irrer im Walde.
Einsamkeit schwarzen Dunkels. Einsamkeit meines Herzens.“

Wir alle hatten gehofft, dass du dich nach Gero’s Tod wieder erholen würdest. Leider kam alles doch ganz anders.

So unvorhergesehen und schrecklich dein plötzlicher Tod für uns alle ist, so versuche ich trotzdem die positiven Seiten dieser Tragödie zu sehen: dein Tod an sich war schmerzlos – du bist einfach eingeschlafen; er hat dich um vieles gebracht – aber er hat dich auch von unendlich schweren Lasten befreit. Jetzt seid ihr beide wieder gemeinsam auf dem Weg – oder wie Gero es formulieren würde: unterwegs in den böhmischen Himmel.

Auf dem Titelbild von Gero’s letztem Buch „Böhmische Grätschen“ ist ein Motiv des bekannten tschechischen Fotografen Jindrich Streit zu sehen, bei dem im Hintergrund zwei Särge getragen werden… Manche würden diese Koinzidenz mit den zwei Särgen als schaurig oder gar makaber bezeichnen. Ich bin nicht sicher, wie du es selbst sehen würdest. Ich meinerseits würde gerne mit Susanna Tamaro sprechen – aus „Va‘ dove ti porta il cuore“/ „Geh wohin dein Herz dich trägt“; ich zitiere: „Der Zufall. Einmal hat der Mann von Signora Morpurgo mir erzählt, dieses Wort gäbe es im Hebräischen nicht. Um etwas die Zufälligkeit Betreffendes auszudrücken, müssen sie das Wort Hasard benutzen, das aus dem Arabischen kommt. Das ist komisch, findest du nicht? Komisch, und zugleich beruhigend. Wo Gott ist, gibt es keinen Platz für den Zufall – nicht einmal für das einfache Wort, das ihn bezeichnet.“

Gerold und Rosemarie, kurz Gero & Ro, bisweilen noch kürzer zusammengefasst in ein „GeRo“ (für „Ge“ und „Ro“) – ein einziges symbolisches Wort für euer gemeinsames Leben und Arbeiten.

Du und Gero, ihr habt ein Leben lang alles zusammen gemacht, seid zusammen gereist, habt zusammen geschrieben, zusammen gelebt – und am Ende zusammen gelitten. Jetzt seid ihr auch zusammen von uns gegangen.

Dein Hausarzt, der dich und Gero seit Jahren kannte, stellte nach deinem Tod ohne Fachjargon, und dafür um so treffender fest: „Sie ist an gebrochenem Herzen gestorben“.

Ich möchte schließen mit den letzten Zeilen aus dem Liebeslied von Rainer Maria Rilke, das aus unserer Sicht am besten das ausdrückt, was Worte für euch beide ohnehin nicht wirklich einfangen können:

„Doch alles, was uns anrührt, dich und mich
Nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?“«

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